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Thomas Huhmann
"Ich wollte nicht nur Lehrer sein: Unterrichten, Vorbereiten, Korrigieren, das allein reichte mir als Pädagoge nicht."

Dieses Interview entstand für Die Internate Vereinigung (DIV), die Personen befragten, die in den verschiedenen Mitgliedsinternaten tätig sind. Lesen Sie dort das Interview in voller Länge.



Was haben Sie vor Ihrer Tätigkeit im Internat getan?

Nach meinem 2. Staatsexamen habe ich sieben Jahre als Fachlehrer in der Oberstufe einer Waldorfschule die Fächer Deutsch und Politik unterrichtet. Dann bin ich mit meiner Familie nach Marienau gezogen.

Warum haben Sie sich für diese Aufgabe entschieden?

Wir haben uns aus mehreren Gründen für ein Internat und Marienau im Besonderen entschieden. Zum einen wollte ich nicht nur Lehrer sein. Unterrichten, Vorbereiten, Korrigieren, das allein reichte mir als Pädagoge nicht. Ich war immer offen für alternative pädagogische Ansätze, das zeigt ja auch meine vorangegangene Station an einer Waldorfschule. Und dieses Plus, nämlich die Schüler als Menschen in ihrer Entwicklung zu begleiten, das bietet ein Internat. Zum anderen haben meine Familie und ich gehofft, dass wir hier Familie und Beruf bestmöglich miteinander verbinden können.

Welche Erwartungen an die Tätigkeit wurden erfüllt?

Viele meiner Erwartungen wurden erfüllt, sonst wäre ich ja nicht so lange hier. Beruf und Leben lassen sich hier wunderbar miteinander verbinden. Marienau bietet mir ein berufliches wie privates Zuhause. Es ist ein schöner, anregender Ort zum Leben, nicht nur für mich, sondern auch für meine Familie.

Marienau stellt den Internatslehrern ganz unterschiedliche Wohnungen zur Verfügung, in denen man sich wohlfühlen kann. Zurzeit bewohnen meine Frau und ich ein Haus mit Garten. Ich finde im Internat jederzeit die Gesellschaft anderer Menschen, kann mich aber auch zurückziehen, wenn mir danach zumute ist. Dazu bietet Marienau als Arbeitgeber ein hohes Maß an Flexibilität, um z.B. die Bedürfnisse einer Familie zu berücksichtigen.

Die Möglichkeiten der Mitgestaltung in Schule und Internat sind groß, Engagement ist ausdrücklich erwünscht. Marienau ist eine Schule der offenen Türen, vieles lässt sich auf dem kurzen Weg besprechen und organisieren. Das macht das Arbeiten erfüllter.

Was sind für Sie besondere Herausforderungen Ihrer Tätigkeit?

Das, was den Reiz ausmacht, wenn sich Arbeit und Leben mischen, ist natürlich auch eine Herausforderung. Denn ich bin hier als Lehrer, Wohnbereichsleiter, Kollege, Tutor, Familienvater, Ehemann etc. unterwegs – nicht immer gelingt es, die unterschiedlichen Rollen miteinander in Einklang zu bringen. Dann entsteht Reibung und man muss sortieren und kommunizieren. Wenn das gelingt, lässt es sich hier gut leben.

Auch die heterogen zusammengesetzte Schülerschaft erlebe ich als Herausforderung. Einige unserer internationalen Schüler wagen in jungen Jahren den akademischen Weg ins Ausland. Dem möchte ich professionell begegnen, aber manchmal klappt das gegenseitige Verständnis nicht auf Anhieb. Auch unsere deutschen Schüler kommen aus unterschiedlichsten schulischen und privaten Situationen zu uns. Mitunter ist es eine anspruchsvolle pädagogische Aufgabe, sie schulisch und sozial zu einer Lerngruppe zu formen. (…)

Welche drei Vorteile sehen Sie in Ihrer Tätigkeit im Internat gegenüber der Tätigkeit an einer normalen Schule?

Vorteilhaft ist an erster Stelle, dass ich nicht nur ‚Stoffvermittler‘ bin. Ich erlebe viel mit meinen Kolleginnen und Kollegen, ebenso wie mit den Schülerinnen und Schülern. Meine Rolle hier gestattet es mir, in einem ziemlich ganzheitlichen Sinn als erwachsener Mensch mit anderen Menschen zu arbeiten. Die kleinen Klassen erlauben ein angenehmes Unterrichten, man kann eine persönliche Bindung zu den Schülerinnen und Schülern aufbauen. Das hilft beim Lehren und Lernen. Und das Miteinander in unserer kleinen Schulgemeinschaft ist ein entscheidender Unterschied zu großen, unpersönlichen Lehranstalten.

Und natürlich die kurzen Wege. Dies meine ich wörtlich und in übertragenem Sinne. Die informelle, rasche Absprache mit Kollegen, Hauseltern und Leitung ermöglicht eine bestmögliche Betreuung für unsere Schüler. Und wörtlich genommen kann ich die Zeit und Energie, die ich durch die kurzen Arbeitswege einspare, für anderes sinnvoll nutzen. (…)

Wie sieht eine durchschnittliche Woche, ein Arbeitstag bei Ihnen aus?

Das ist gar nicht so einfach zu sagen, weil je nach Phase im Schuljahr andere Dinge anstehen. Vielleicht benenne ich einfach mal die Bestandteile meines Jobs: Vorweg sei gesagt, dass ich einen freien Tag in der Woche habe, an dem ich nicht unterrichte und auch in meinem Wohnbereich vertreten werde. Dieser freie Tag ist Ausgleich für die 14tägig stattfindenden Schulwochenenden. Meine Tätigkeit in Marienau setzt sich zusammen aus klassischem Unterricht, seiner Vor- bzw. Nachbereitung. Es gibt dienstliche Treffen oder Besprechungen und dienstags haben wir unseren Konferenztag mit Teil- oder Gesamtkonferenzen.

An einigen Tagen esse ich mit den Schülern gemeinsam, zudem betreue ich Lernzeiten, gebe einen Förderkurs oder führe Gespräche mit meinen Tutanden. Telefonate oder persönliche Gespräche mit Eltern sind manchmal notwendig, wobei die Häufigkeit des Elternkontakts in der Unter- und Mittelstufe deutlich höher ist als bei Schülern der Oberstufe. Als Betreuer eines Wohnbereichs der Oberstufe bin ich nachmittags nicht stark involviert, da die Schüler Unterricht oder AGs haben. Ich bin aber am Abend präsent. Wenn die Schüler ins Haus müssen, sprechen wir kurz noch über den Tag oder darüber, was sie beschäftigt. Diese Zeit des gemeinsamen Austauschs ist wichtig für den Beziehungsaufbau.

Und zwischen alledem kann ich zuhause Pause machen, mit meiner Frau Kaffee trinken oder im Garten arbeiten, mich ohne dienstlichen Anlass mit Kollegen treffen oder meinem Sport nachgehen. Es gibt keine starre zeitliche Aufteilung, sondern mein Tag bzw. meine Woche fügt sich aus all dem zusammen. Ich baue ihn mir modular auf, so dass sich Arbeitsphasen und freie Zeiten abwechseln.
(…)

Was ist ihr Tipp für Bewerber, Neueinsteiger in diesem Beruf?

Niemand ist perfekt. Gerade im ersten Jahr sind die Aufgaben unvertraut, da kann man sich schon mal überfordert fühlen. Hier hilft es, sich mit den Kollegen auszutauschen und um Rat zu fragen. Man sollte auch bereit sein, Hilfe anzunehmen. Es geht darum, sich auf das komplexe System Internat einzulassen, hier zu wachsen und sich weiter zu entwickeln.