Obligo in Marienau: Mit freundlichen Grüßen, Ihr Hasnain Kazim

„Wo ist die Abzweigung in ihrer Erziehung, war es im Kindergarten, in der Schule, im Elternhaus, die du verpasst, um zu lernen, dass man so nicht miteinander redet?“ Das fragt sich Hasnain Kazim, wenn er eine der vielen, hasserfüllten, in Ton und Wortwahl herabwürdigenden Emails liest, die ihn täglich erreichen. „Ich klinge jetzt vielleicht wie ein alternder Oberstudienrat, aber wir brauchen wieder mehr Anstand und Moral in unserer Kommunikation“, findet Hasnain Kazim. Daran mangelt es in der Post, die er erhält.

Seit dem 1.1.2016 beantwortet er Mails, die Hass und Hetze enthalten und ihn als Person angreifen. Aus der Sammlung dieser Korrespondenz entstand sein erstes Buch „Post von Karl-Heinz“. Seit 2018 ist er als freier Autor tätig und lebt mit seiner Familie in Wien. Zuvor war er von 2004 bis 2019 als Korrespondent für den Spiegel tätig. Geboren in Oldenburg wuchs Hasnain Kazim im Alten Land als Kind indisch-pakistanischer Eltern auf. Selbst konfessionslos, ist seine Erziehung im kleinen Ort Hollern-Twielenfleht protestantisch geprägt. Er besuchte das Gymnasium in Stade, ging nach dem Abitur zur Bundeswehr und war Marineoffizier. Später studierte er Politikwissenschaften. Als Kind habe er sich nie anders gefühlt, dafür habe es auch keinen Grund gegeben.

Dass seine dunklere Hautfarbe eine Rolle spielt, merkte er erstmals im Jahr 1992. Als 17jähriger schrieb er einen Artikel im Rahmen des Projekts „Schüler machen Zeitung“ über die Ereignisse in Mölln, Solingen, Rostock-Lichtenhagen. Dass bewohnte Häuser von Rechtsradikalen mit Molotow-Cocktails beworfen wurden und die aus dem Haus flüchtenden Menschen aus Vietnam in einer Hetzjagd durch die Straßen getrieben wurden, verankert sich tief in seinem Gedächtnis. Nach der Veröffentlichung des Artikels erhält er erstmals Hassbriefe, in denen er beleidigt und beschimpft wird. Ab dem Jahr 2000 merkt er einen deutlichen Anstieg solcher Zuschriften, denn Internet und Email vereinfachen das Versenden solcher Nachrichten. Als einen „Dammbruch“ erlebt er die Veröffentlichung von Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ (2010). Als sei es nun legitim, andere herablassend zu beleidigen und mit heftigsten Schimpfworten zu belegen, denn wenn eine öffentliche Person wie Sarrazin das sagt, dann scheint es ok zu sein. Weitere zeitliche Marker waren für ihn die Hochphase des Flüchtlingszustroms 2015 sowie der Wahlsieg der AfD bei der Bundestagswahl 2017.

Viele, die sich ebenfalls Hass und Hetze ausgesetzt sehen, sagten nach seinem ersten Buch, dass sie nun eine gute Vorlage hätten, um dem entgegen zu treten. Aber es sei nicht sein Ziel gewesen, eine teils humorvolle, teils scharfzüngige Textvorlage zu liefern. Er finde eine Anleitung zum Streiten viel wichtiger, weshalb er am Abend auch aus seinem neuen Buch „Auf Sie mit Gebrüll! … und guten Argumenten“ liest. Streit und Demokratie gehören zusammen. Streit soll stören, und wer die besseren Argumente habe, solle sie auch besser rüberbringen. Hasnain liest in ganz Deutschland, so auch in Freital in Sachsen, das seit 2015 immer wieder Schlagzeilen mit heftigen Protesten und Angriffen gegen Flüchtlinge macht. Die Leute bei der Lesung sagten, dass die Stadt so ein schlechtes Image habe, aber hier seien nicht nur Nazis und Rechtsradikale. Kazim sagt, er glaube das auch, allerdings sei diese Gruppe in Freital einfach viel lauter als alle anderen. Wenn man gegen rechts und gegen Rassismus sei, müsse man das auch sagen, und zwar laut. Wer nicht den Mund aufmache, lasse andere, die Unterstützung brauchen, im Regen stehen.

Er habe für sich einen Weg gefunden, diesen Zuschriften zu begegnen, aber es gäbe auch solche, die er nach dem Lesen der Anrede sofort lösche. „Es gibt drei Typen von Menschen, meist Männer, die mir schreiben“, sagt Hasnain Kazim. Die einen haben einfach nur Frust, der ursächlich nichts mit ihm zu tun hat. „Ich habe eine hässliche Email von jemandem erhalten, der hatte Frust, weil er einen Strafzettel über 70 Euro erhalten hatte. Abends sitzt er am PC, liest einen Artikel von mir, der ihn fürchterlich nervt. Der ganze Frust entlädt sich dann in einer Email an mich. Das lässt sich aber nur feststellen, wenn ich das Gespräch mit den Leuten aufnehme“. Die zweite Gruppe hat inhaltliche Kritik vorzubringen, kann dies aber nicht adäquat ausdrücken. Man dürfe gerne an allem, was er sage und schreibe, Kritik äußern. Es gebe kein Recht auf Widerspruchsfreiheit. Aber es käme eben auch auf die Art und Weise der Kritik und der Sprache an. Denn es spiele eine große Rolle, wer, was, wie und in welchem Kontext sage. Und auch wenn es nicht strafrechtlich relevant sei, so gebe es doch in einer zivilisierten Gesellschaft sehr viele Dinge, die wir nicht sagen, z. B. weil sie verletzend und beleidigend für andere seien.

Die dritte Gruppe ist dann schließlich die der waschechten Rassisten. Dabei sind das keineswegs Ungebildete: In einem Fall erhielt Hasnain Kazim 20 DIN A4-Seiten Hass und Hetze in sprachlich anspruchsvollem Juristen-Deutsch. Der Inhalt aber ist trotz der sprachlichen Fertigkeiten einfach nur rassistisch. „Sie werden nie ein echter Deutscher sein. Eine Ratte, die in einem Pferdestall geboren wird, wird ja deswegen auch kein Pferd.“ Und was ihm dabei am meisten Sorge bereite, ist, dass die zuvor genannten Ereignisse sukzessive den Weg dafür geebnet haben, dass Menschen mit solchen Ansichten in gesellschaftlich bedeutsame Positionen aufrücken können. Und, dass es einfacher wird, solche Äußerungen auch öffentlich zu tätigen. Dass aus solchen Worten irgendwann Taten werden könnten, das erschrecke ihn am meisten. „Sollte es in Deutschland dazu kommen, dass eine Partei wie die AfD regiert, dann bin ich weg. Das verstehe ich als Aufkündigung des Wir, des einvernehmlichen Miteinanders.“

Für die Schüler, Mitarbeiter sowie für unsere Gäste war es ein eindrucksvoller Abend. Christoph Giesa von der Friedrich – Naumann – Stiftung moderierte die anschließende Diskussion. Diese Lesung reiht sich ein in eine Kette gelungener Veranstaltungen, die den Marienauern spannende Eindrücke liefern und Politik und Zeitgeschehen nah erlebbar machen.