EXIT – Ein Aussteiger berichtet

In regelmäßigen Abständen finden an der Schule Marienau sogenannte „Obligos“ statt aus unterschiedlichsten Bereichen, wie Musik, Theater, Literatur und Politik eingeladen werden. Am Abend des 6. März 2019 war der ehemalige Neo-Nazi Manuel Bauer als Referent in der Schule Marienau zu Gast. Der Aussteiger aus der „rechten Szene“ sprach über sein Leben vor und nach dem Ausstieg. Den Ausstieg schaffte er gemeinsam mit der Organisation EXIT Deutschland.

Zu Beginn des Abends konnte sich niemand der über 150 anwesenden Zuhörer ein Bild von dem Leben Bauers machen. Auf den ersten Blick schien er ein höflicher und zugleich zurückhaltender, fast schüchterner Mann „von neben an“ zu sein. Dieser Mann soll früher Menschen zusammengeschlagen haben und die nationalsozialistische Ideologie vertreten haben? Gedanken, die nur schwer vorstellbar waren. Doch dann nahm der Abend seinen Lauf. Bauer war lange Jahre ein gefürchteter Neonazi in Sachsen, beging unzählige Straftaten, erpresste Menschen und schlug sie auf Grund ihres Aussehens und ihrer Herkunft zusammen.

Durch seine Vorliebe für Waffen bekam er von seinen Kameraden den Spitznamen „Pistole“. Die unverblümten Darstellungen seiner Verbrechen aus der Zeit als Neo-Nazi waren harte Kost für die SchülerInnen des Internatsgymnasiums. Fassungslosigkeit machte sich angesichts der von Bauer geschilderten Straftaten in den Gesichtern breit. Aus Rücksicht auf die SchülerInnen der Unterstufe, stoppte Leiterin Heike Elz Herrn Bauer an besonders kritischen Stellen. Durch die anschauliche Schilderung der nationalsozialistischen Theorien gelang es Bauer aber auch, den Zuhörern die Gefahren und Gewaltexzesse dieser Szene anschaulich darzustellen. Insbesondere vor den Rekrutierungsmechanismen in den sozialen Netzen und dem zeitgemäßen, Aussehen der sogenannten „Nipster“ warnte Bauer: „Wenn Ihr denkt, man könne Nazis heutzutage an Glatzen und Springerstiefeln erkennen, habt Ihr Euch getäuscht. Die Nipster (abgeleitet von „Hipster“) kleiden sich genauso cool wie Ihr, sind auch Veganer und setzten sich für den Tierschutz ein.“ Außerdem seien Ausgrenzung und Mobbing ein willkommenes Fressen für Neo-Nazis, denn ausgegrenzte Menschen ließen sich besonders einfach für eine Sache überzeugen, so Bauer weiter.

Er selbst schonte sich bei der Schilderung seiner Straftaten nicht. In seinen emotionalen Erzählungen verschwammen Vergangenheit und Gegenwart, es war die Rede von Rassenideologie und Menschen zweiter Klasse. Eine besondere Herausforderung angesichts der verschiedenen kulturellen Hintergründe der Marienauer Schülerschaft. Für Bauer kein Grund ein Blatt vor den Mund zu nehmen. „Meine Vorträge sollen abschrecken“, gibt er zu verstehen.

Die entscheidende Wende in seinem Leben ergab sich für Bauer im Gefängnis. Mit 21 hatte er es auf einen homosexuellen Geschäftsmann abgesehen und wurde wegen „räuberischer Erpressung in besonders schwerem Fall“ zu einer Gefängnisstrafe von zwei Jahren und zehn Monaten verurteilt. In der JVA kam er das erste Mal mit der Organisation EXIT in Kontakt, der er den Ausstieg aus der rechtsradikalen Szene zu verdanken hat. „Zunächst habe ich mich nur aus strategischen Gründen an EXIT gewandt, doch als meine damaligen Kameraden von dieser Verbindung erfuhren, stürmten sie mein Haus. Mir blieb keine andere Alternative, als mich an EXIT zu wenden.“ Aus heutiger Sicht ist der Kontakt in der JVA die Rettung für Bauer gewesen. EXIT organisierte seine „Umsiedlung“ und integrierte ihn Schritt für Schritt in ein Leben ohne Kameraden und Straftaten.

Da der abendliche Vortrag insbesondere für die SchülerInnen der Unterstufe zu Verunsicherung führte und sich viele Warum- und Wieso-Fragen des Warums und Wiesos in den Köpfen breit machten, nutze Frau Elz kurzerhand den nächsten Vormittag für die Nacharbeitung. Herr Bauer war über Nacht in Marienau geblieben, so dass der gesamte Donnerstagvormittag für Fragerunden genutzt werden konnte. Nach Altersstufen getrennt konnte Bauer so nochmal individuell auf die Schilderungen des Vorabends eingehen und offene Fragen zu seinem heutigen Leben als Aussteiger beantworten. Man bekommt das Gefühl, dass Bauer durch seine Aufklärungsarbeit über die „rechte Szene“ mit aller Macht „wiedergutmachen“ möchte – so wie dies eben möglich ist. Alle Eindrücke und Gedanken, die die Marienauer Gemeinschaft aus dem Vortrag mitgenommen hat, werden in den einzelnen Jahrgängen weiter aufgearbeitet und bieten Anlass für weitere Präventionsarbeit. (LB)